Von Gründungsvätern bis Broadway-Legenden
Die walisische Prägung der New Yorker Geschichte beginnt früh. Unter den Gründungsfiguren der Stadt findet sich Francis Lewis, geboren in Llandaff, der 1776 als Vertreter New Yorks die Unabhängigkeitserklärung unterzeichnete.
Nur wenige Jahrzehnte später, im Jahr 1801, gründeten walisische Auswanderer die St. David’s Society of the State of New York – eine der ältesten Gesellschaften Amerikas. Ihr Ziel: Landsleute in der Stadt zu unterstützen und das walisische Erbe zu bewahren.
Mit dem 20. Jahrhundert erhält die walisische Präsenz in New York eine kreative und dramatische Note. Der Dichter Dylan Thomas, dessen turbulente Zeit in der Metropole einige seiner bedeutendsten Werke hervorbrachte, hinterließ ein bleibendes kulturelles Erbe. Tragisch endete sein Leben im Chelsea Hotel, nach exzessiv durchzechten Nächten im legendären White Horse Tavern – ein Kapitel, das die kulturelle Verbindung zwischen Wales und New York unvergesslich macht.
Richard Burton, ein weiteres großes walisisches Talent, verzauberte das Broadway-Publikum in Klassikern wie Camelot und Hamlet. Er brachte eine unvergleichliche lyrische Intensität auf die amerikanische Bühne. Burtons Einfluss ging über seine Aufritte hinaus: Als erster Direktor der American Musical and Dramatic Academy (AMDA) in New York City prägte er die nächste Generation von Schauspielern und Künstlern.
Auch jenseits der Kunst hat walisisches Talent die moderne Identität New Yorks mitgestaltet. Howard Stringer, geboren in Cardiff, stieg an die Spitze von CBS und wurde später der erste nicht-japanische Vorstandsvorsitzende und CEO von Sony – eine Position, die ihn zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten der globalen Medienwelt machte.
Die neue walisische Welle
Heute definiert eine neue Generation walisischer Talente, was es bedeutet, in New York walisisch zu sein. In den Bereichen Kulinarik, Mode und Musik verbinden diese Kreativen Tradition mit Innovation und setzen frische Akzente.
Einer der Vorreiter ist Luke Thomas, der aus Nordwales stammt. Der Koch, Autor und Unternehmer wurde zu Beginn seiner Karriere als jüngster Küchenchef Großbritanniens bekannt. Inzwischen lebt er dauerhaft in New York und baut mit seiner Firma R3 prominente Marken auf – unter anderem in Zusammenarbeit mit YouTube-Star David Dobrik und dem in Harlem geborenen Rapper A$AP Ferg.
Zuvor war Thomas Mitinhaber des legendären Café Habana im NoLita-Viertel, einer Institution für kubanisch-mexikanische Küche. Trotz der Einflüsse aus New York und Mexiko bleiben seine kulinarischen Wurzeln jedoch fest in der Heimat verankert.
„Ich liebe es, nach Wales zurückzukehren und all die vertrauten Genüsse zu erleben – großartige Produkte, unser Stammlokal in Hawarden, The Glynne Arms, und herzhafte Gerichte, inspiriert von dem, was meine Großmutter mir beigebracht hat“, erzählt Luke Thomas.
„Alles war einfach, aber von Grund auf selbst gemacht – langsam geschmorte Eintöpfe, Shepherd’s Pie, Biskuitpudding und hausgemachter Vanillepudding.“
„Schon als Teenager verbrachte ich viel Zeit bei Steve Vaughan Butcher’s in Penyffordd und entwickelte eine Leidenschaft für Lamm in all seinen Variationen – von einfachen gegrillten Koteletts bis hin zu orientalischen Marinaden und indisch inspirierten, langsam geschmortee Schulter. Walisisches Lamm ist für mich bis heute eine Lieblingszutat.“
Doch Luke Thomas ist nicht allein: Ein weiterer kulinarischer Botschafter aus Wales ist Tomos Parry, geboren auf der Insel Anglesey und gefeiert für seine Londoner Restaurants BRAT und Mountain. Bekannt für seine Gerichte am offenen Feuer und seine tiefe Wertschätzung für hochwertige Produkte – darunter viele walisische Zutaten – hat Parry eine weltweite Fangemeinde für seine puristischen, rauchigen Gerichte aufbauen können.
Im Sommer 2025 brachte er sein Michelin-prämiertes BRAT-Konzept nach Manhattan – in einer Reihe von Pop-ups, die New Yorker mit Gerichten begeisterten, die sowohl die Küstenaromen von Wales als auch die baskisch inspirierten Techniken widerspiegeln, die ihn in London berühmt gemacht haben. Sein Auftritt in der City markiert einen weiteren Meilenstein für die wachsende walisische Präsenz in der New Yorker Gastroszene.
Helle Lichter und walisische Wurzeln
In einem anderen Teil der Metropole verschmelzen Musik und Identität: Rod Thomas, besser bekannt als Bright Light Bright Light, begeistert New Yorks Nachtleben mit seinem gefühlvollen Electropop – und zählt Größen wie Elton John und die Scissor Sisters zu seinen Fans und Kollaborateuren. Geboren im Neath Valley „zwischen Farmen und einer Kohlemine“, erkennt Thomas bis heute klare Spuren seiner Heimat in seiner Arbeit.
„Ich kann mich nicht an eine Zeit ohne Musik erinnern“, erzählt er. „In der Schule haben wir morgens gesungen, viele Kinder lernten Instrumente, Chöre waren ein großes Ding. Die walisischen Landschaften sind dramatisch – und meine Musik ist dramatisch. Da gibt es definitiv eine Verbindung.“
Seine walisischen Inspirationen – Shirley Bassey, Bonnie Tyler, Catatonia, Gruff Rhys, Super Furry Animals, Tom Jones – prägen seinen Sound bis heute.
„Ich bewundere besonders die Super Furry Animals für ihre wilde Kreativität in Produktion und Visuals. Tatsächlich wurde mein erster Song als Bright Light Bright Light von Boom Bip produziert, der mit Gruff Rhys am Neon-Neon-Projekt gearbeitet hat.“
„Auch die walisische Choraltradition lebt in meiner Musik weiter: Mehrere meiner Songs haben einen Chor-Charakter in den Background-Vocals, darunter Enjoy Youth, das ich als Englisch/Walisisch-Hybrid mit Donna Lewis aufgenommen habe – einer walisischen Pop-Ikone!“
Obwohl Thomas seit über einem Jahrzehnt Vollzeit-New Yorker ist, ist er stolz auf seine Wurzeln:
„Wenn ich New Yorkern eine Sache aus Wales zeigen könnte, wäre es die Halbinsel Gower. Die Küste ist atemberaubend – die Leute glauben die Fotos der Strände nicht. Aber auch … Welsh Cakes!“
Haut ist das Ding
Ein Branchenwechsel hin zur Ästhetik: Sofie Pavitt, geboren in Newport, gilt als wahre „Skincare-Savant“ – so bezeichnet von Goop – und ist in Beauty-Kreisen als „die Akne-Flüsterin“ bekannt. Heute zählt sie zu den gefragtesten Facialists in New York. Ihre Kundenliste liest sich wie das Who’s Who der Beauty-Welt: nahezu alle New Yorker Beauty-Redakteure, Influencer und Models – mit prominenten Namen wie Zendaya und Lorde.
Erst im vergangenen Jahr gelang ihr ein großer Coup: Ihr gleichnamiges Skincare-Label Sofie Pavitt Face wurde bei Sephora gelauncht – ein Meilenstein für jede Beauty-Marke, umso bemerkenswerter für eine Brand, die erst zwei Jahre zuvor gegründet wurde.
Die ganze Welt ist eine Bühne
Und nicht zuletzt: Matthew Rhys, der Emmy-prämierte Schauspieler aus Cardiff, heute in Brooklyn zu Hause, trägt die walisische Flagge weiterhin stolz – auf der Leinwand und darüber hinaus. Von seinen gefeierten Rollen in The Americans und Perry Mason bis hin zur Netflix-Serie The Beast in Me, die von Kritikern hochgelobt wurde, setzt Rhys Maßstäbe. Darüber hinaus produziert er Projekte, die walisisches Storytelling auf die globale Bühne bringen.
Zuletzt feierte er eine mit Spannung erwartete Rückkehr ins Theater mit dem Ein-Personen-Stück Playing Burton, in dem er den legendären Schauspieler Richard Burton verkörpert – passend zum Monat, in dem Burton seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte. Die Aufführung zeichnete Burtons bemerkenswerte Reise nach: von bescheidenen Anfängen in den Tälern von Südwales bis hin zum Ruhm auf Broadway und in Hollywood.
Nach intensiven Proben im Lincoln Center unter der Regie des renommierten Bartlett Sher wurde Rhys für das New Yorker Publikum zu Burton, bevor die Produktion ins Londoner Old Vic wechselte und schließlich auf Tournee durch Wales ging – mit einem bewegenden Abschluss in Burtons Geburtsort Pontrhydyfen.
Die walisische Ecke von NYC
Über die einzelnen Erfolgsgeschichten hinaus blüht die walisische Community in New York weiter auf. New York Welsh bringt Expats und Wales-Enthusiasten zusammen – bei regelmäßigen Meet-ups, Kooperationen mit Kulturinstitutionen und den farbenfrohen St. David’s Day-Feierlichkeiten, die jedes Jahr im März die Stadt erstrahlen lassen.
Für Gwilym Roberts-Harry, einen der Gründungsmitglieder neben Ty Francis MBE und Marc Walby, begann alles als Herzensprojekt: „Es war sehr DIY – kein Budget, nur eine Handvoll Leute, die zusammenhielten, um der Community ein Zuhause zu geben“, erinnert er sich. „Wir wollten einen Ort schaffen, an dem sich Waliser in dieser Stadt voller Fremder willkommen fühlen – einen Raum, um Walisisch zu sprechen, Geschichten aus der Heimat zu teilen und diese Wärme wieder zu spüren.“
Was als Schnapsidee begann, ist heute ein Netzwerk von über tausend Mitgliedern – ein Spiegelbild des modernen Wales. „Es ist eine wirklich eklektische Mischung“, sagt Gwilym Roberts-Harry.
„Es gibt Walisischsprecher und Lernende, Familien, die in der Stadt leben, Welsh-Americans, die ihre Wurzeln neu entdecken – sogar türkisch-walisische und sri-lankisch-walisische New Yorker. Es fühlte sich an wie Wales im Miniaturformat.“
Dieses Gefühl der Zugehörigkeit fand seinen Mittelpunkt im The Liberty NYC, liebevoll „die walisische Bar“ oder „Y Dafarn“ genannt. Hier trifft sich die Community zu Six Nations Rugby, Live-Musik, Gruff-Rhys-Listening-Partys, Poesieabenden und sogar Tribeca-Filmvorführungen walisischer Kurzfilme. „Ich habe so viel Zeit dort verbracht, dass sie mein Foto an die Wand gehängt haben“, lacht Gwilym.
Auch wenn einige, wie Roberts-Harry, inzwischen nach Wales zurückgekehrt sind, bleibt das Vermächtnis dieser Treffen lebendig.
Viel davon ist dem Engagement seiner Mitgründer Ty Francis MBE und Marc Walby zu verdanken. Sie haben The Liberty über Jahre hinweg in ein echtes walisisches Zuhause verwandelt – einen Ort, an dem Besucher einfach wegen der walisischen Flagge im Fenster hereinschauen. Ihre Arbeit hält die Organisation selbst finanziert und zugänglich, damit die Diaspora einen offenen, vertrauten und stolzen Raum hat.
Francis und Walby haben den Einfluss weit über die Bar hinausgetragen: von der Gründung der Wales Week New York bis zum symbolträchtigen Läuten der Nasdaq-Glocke von Matthew Rhys, während die walisische Flagge den Times Square erleuchtete. Ihr Einsatz für Frauen- und Mädchenrugby bis hin zu Fußball über JerseyForAll.org fügt der Geschichte ein weiteres Kapitel hinzu.
In einer Stadt, die sich ständig neu erfindet, bietet die walisische Community etwas Dauerhaftes: die Erinnerung daran, dass – egal wohin man geht – ein Stück Wales nie weit entfernt ist.