Der walisische internationale Fußball hat einen langen Weg zurückgelegt, seit er Ende des 19. Jahrhunderts erstmals gespielt wurde.

Es war ein langer und steiniger Weg, gespickt von Höhen und Tiefen, doch dank Gareth Bale, Aaron Ramsey, Joe Allen und der Mannschaft der EM 2016 hat für den Fußball in Wales eine neue goldene Ära begonnen. Heute sieht die Zukunft rosig aus und Fußball ist in Wales beliebter denn je.

Um zu den Wurzeln des Fußballs in Wales zu gelangen, muss man fast 150 Jahre zurückreisen, bis ins Jahr 1876. Llewelyn Kenrick, Anwalt und Gründer des walisischen Fußballverbands gilt als der „Vater des walisischen Fußballs“. Er organisierte das erste Fußball-Länderspiel zwischen Wales und Schottland – laut einer Zeitungsanzeige von damals.

Es gilt als sicher, dass das erste Fußballspiel in Wales irgendwo in oder um Wrexham in Nordwales stattfand. Wo genau, ist nicht belegt, doch in Ruabon, südlich von Wrexham, gab es um 1869 genügend Fußballspieler und so wurde in Plas Madoc ein Fußballclub gegründet. In Wrexham selbst gründeten die Cricketspieler 1872 auf dem Gelände der Rennbahn ihren eigenen Fußballverein und noch im selben Jahr spielte England gegen Schottland im ersten Fußball-Länderspiel überhaupt.

Im Januar 1876 las Llewelyn Kenrick in „The Field", einer Londoner Zeitung für Sportfans, einen Aufruf, ein Match zwischen Wales und Schottland oder Irland zu organisieren. Das Wettrennen hatte begonnen: würde es ein Rugby-Match oder ein Fußballspiel werden?

Kenricks Interesse war ein Spiel der Football Association. Er handelte schnell und informierte „The Field“, dass die Fußballer aus Nordwales die Herausforderung annahmen, und inserierte gleichzeitig für neue Spieler.

Im Februar 1876 gründete er die Football Association of Wales (FAW) und stellte sich den Kritikern aus Südwales mit ihren Forderungen, dass die neue walisische Mannschaft aus Rugby- und nicht aus Fußballspielern bestehen sollte. Im März des gleichen Jahres wählte er die Spieler für die Mannschaft aus und machte sich anschließend auf den Weg nach Norden. Das Spiel Wales gegen Schottland fand im März 1876 in Glasgow im „West of Scotland Cricket Club“ statt. Die walisische Mannschaft – zehn Spieler aus Nord- und ein Spieler aus Südwales – verlor mit 0:4. Das Rückspiel im darauffolgenden Jahr in Wrexham endete mit einer 0:2-Niederlage. Trotz der Niederlagen verlor Wales nie seinen Appetit auf Fußball.

Kenrick hatte in den frühen Tagen des walisischen Nationalfußballs mit vielen Hindernissen zu kämpfen. Seine Spieler trafen sich nur an Spieltagen und ein Spieler aus Ruabon musste sogar unter falschem Namen spielen, aus Angst vor seinem Arbeitgeber. Es gab sogar Streit darüber, wer für Wales spielberechtigt war.

In den Anfangsjahren der FAW wurde der Fußball in Wales vom Norden dominiert, als Vereine wie Wrexham AFC, Oswestry Town FC und Chirk AAA FC zu großer Bekanntheit gelangten. In der Saison 1877/78 wurde der Welsh Cup eingeführt, mit dem Ziel, Spieler von internationalem Kaliber zu finden. Wrexham war der erste Sieger des Welsh Cups und schon bald entwickelte sich das Turnier zu einer festen Größe, auch wenn es bis 1912 dauerte, bis schließlich eine Mannschaft aus Südwales, Cardiff City FC, die Trophäe gewann.

Das erste Verbandsfußballspiel Großbritanniens fand im November 1872 zwischen Schottland und England statt. Im Anschluss an dieses Turnier entwickelte sich allmählich ein Spielplan mit Matches zwischen den vier Heimnationen, die alljährlich zwischen Januar und April stattfanden. Im Jahr 1884 wurden zum ersten Mal alle sechs möglichen Spiele ausgetragen und die British Home International Championship (BHC) war geboren. Dieses Turnier wurde ohne Unterbrechung bis zum Ersten Weltkrieg fortgesetzt.

In den 1890er Jahren fasste das Fußballspiel endgültig auch in Südwales Fuß und bald wuchs der Ruf nach internationalen Spielen im Süden. Im Jahr 1902 wurde die Welsh Football League gegründet. Zur gleichen Zeit begannen jedoch viele walisische Mannschaften sich den englischen Ligen anzuschließen, auf der Suche nach einem höheren Niveau der Gegner.

Die Schwierigkeiten waren immens, da die meisten walisischen Spitzenspieler bei englischen Vereinen unter Vertrag standen und ihre Freigabe und Verfügbarkeit für internationale Spiele nie garantiert war.

Dennoch gewann Wales 1907 mit den damaligen Superstars, wie dem großartigen Stürmer Billy Meredith und dem Torhüter Leigh Richmond Roose – einem Kriegshelden, der 1916 in der Schlacht an der Somme ums Leben kam – erstmals und ungeschlagen die British Home International Championship. Es folgten weitere Triumphe in den Jahren 1920, 1924, 1928, 1933, 1934 und 1937.

Im Jahr 1927 wurde walisische Fußballgeschichte geschrieben, als Cardiff City als erster und einziger walisischer Verein den FA Cup gewann.

Zwei Jahre zuvor, 1925, hatten die "Bluebirds" erstmals das Finale erreicht, das sie jedoch mit 0:1 gegen Sheffield United verloren.

Nach dem Spiel kommentierte ihr legendärer Kapitän Fred Keenor: „Nur weil wir in unserem allerersten Pokalfinale verloren haben, gibt es keinen Grund, den Kopf hängen zu lassen. Ich kann hier und jetzt sagen, dass unsere Anhänger eines Tages sicher sein können, dass Cardiff City den Pokal nach Wales holen wird."

Wie recht er doch hatte.

Der Zweite Weltkrieg brachte den internationalen Fußball zum Erliegen doch sechs Jahre Krieg hatten in Wales einen großen Appetit auf internationalen Fußball geweckt. Am 19. Oktober 1946 sahen 30.000 Zuschauer das Spiel zwischen Wales und Schottland auf dem The Racecourse in Wrexham. Der Fußball war zurück.

In den Nachkriegsjahren legte Wales den Grundstein für eine starke fußballerische Zukunft: 1946/47 wurde der Jugendpokal ins Leben gerufen und bereits 1948 bestritt die walisische Jugend ihr erstes Länderspiel.

In den 1950er Jahren nahm Wales erstmals an der Qualifikation für eine FIFA-Weltmeisterschaft teil. Der bisher einzige Erfolg der Nation was das Erreichen einer WM-Endrunde 1958 in Schweden.

Der legendäre Spieler Jimmy Murphy prägte mit seiner Mannschaft in Schweden Wales‘ Ruf als Fußballnation maßgeblich. Wales war auf einen reichen Fundus an Fußballtalenten gestoßen, darunter Topspieler wie John Charles und sein Bruder Mel, Ivor Allchurch und sein Bruder Len, Jack Kelsey und Cliff Jones. Zwar hatte Wales in der Qualifikation zu kämpfen, doch die Politik bescherte dem Team ein glückliches Händchen.

Alle Mannschaften der Qualifikationsgruppe weigerten sich, gegen Israel zu spielen. Wales wurde als einer der europäischen Gruppenzweiten in ein Playoff-Spiel gegen Israel gelost, und gewann beide Spiele mit 2:0. Damit stand die walisische Mannschaft zum ersten und bisher einzigen Mal im Finale einer Weltmeisterschaft.

Es gab Gerüchte, dass die walisische Mannschaft nicht auf WM-Niveau sei, doch bewiesen die Spieler ihren Kritikern das Gegenteil. Die Spiele waren hart, aber weder die Gruppengegner Mexiko, Schweden noch Ungarn konnten Wales schlagen.

Das Play-Off zwischen Ungarn und Wales um den zweiten Platz im Viertelfinale war ein böses Spiel. Wales gewann zwar mit 2:1, verlor aber Ron Hewitt, der ins Krankenhaus kam und auch John Charles humpelte vom Platz und wurde im Viertelfinale gegen Brasilien schmerzlich vermisst.

Wales zeigte eine couragierte Leistung gegen die Brasilianer. Doch nach so viel Glück wendete sich das Blatt gegen Wales – ein Fehlpass von Pelé traf den Fuß eines Verteidigers und wurde ins Tor abgefälscht. Die Brasilianer dachten, sie würden es schaffen, doch stattdessen kratzten sie nur an einem 1:0-Sieg und Wales hatte sich von da an im internationalen Fußball einen Namen gemacht.

Der nächste Auftritt in einem internationalen Turnier war 1976, als das walisische Team unter Trainer Mike Smith das Viertelfinale der Europameisterschaft erreichte.

Bei der EM 1976 (nur die Halbfinalspiele wurden im Turnierstil ausgetragen) verlor Wales das Viertelfinale gegen Jugoslawien mit 1:3 nach Hin- und Rückspiel. Das stürmische Rückspiel im Ninian Park wird durch die umstrittene Spielführung des damaligen DDR-Schiedsrichters Rudi Glöckner für immer in Erinnerung bleiben.

Das Spiel sah einen zweifelhaften Elfmeter für die Jugoslawen, einen verschossenen Elfmeter von Wales, zwei nicht gegebene walisische Tore und am Ende drohte Glöckner das Spiel abzubrechen, als er mit Münzen und Bierdosen beworfen wurde.

In der Folge erhielt Wales ein Spielverbot in ihrer Hauptstadt.

In den folgenden Jahren mauserte sich Wales zu einer der bestentwickelten Mannschaften Europas, zunächst unter Mike England und dann unter Terry Yorath. Eine zweite Qualifikation für eine große Endrunde sollte jedoch ein schwieriges Unterfangen bleiben.

In der WM-Qualifikation 1978 stiegen die Emotionen wieder. Vor dem Spiel gegen Schottland – das ursprünglich in Wrexham ausgetragen werden sollte, bevor es nach Anfield verlegt wurde – befand sich Wales in einer aussichtsreichen Position innerhalb seiner Gruppe. Doch die "Hand des Jordan" kam dazwischen, als der schottische Stürmer Joe Jordan den Ball berührte, der Schiedsrichter es jedoch für ein walisisches Handspiel hielt, Wales das Spiel mit 0:2 verlor und aus der Weltmeisterschaftsturnier ausschied.

Sechs Jahre später wurden die Beziehungen zwischen den Nationen Großbritanniens noch frostiger, als England ankündigte, dass es zu beschäftigt sei, um an der BHC-Meisterschaft teilzunehmen. Der älteste internationale Wettbewerb der Welt, der 1884 erstmals ausgetragen wurde und von der Rivalität der Heimnationen lebte, endete 1984.

Ein Jahr später waren es wieder die Schotten, die die walisischen Herzen brechen sollten, als sich Wales für die WM 1986 in Mexiko qualifizieren wollte.

Spieler wie Mark Hughes und Ian Rush waren Weltklasse. Ein 3:0-Sieg gegen Spanien in der Qualifikationsgruppe im The Racecourse zeigte, dass die Mannschaft das Zeug dazu hatte. Doch ein weiteres umstrittenes Handspiel im Ninian Park kostete Wales den Sieg und die Schotten gingen aufgrund der besseren Tordifferenz in Führung.

Es war eine tragische Nacht, in der Schottlands Manager Jock Stein am Spielfeldrand zusammenbrach und im Krankenzimmer des Stadions verstarb.

In den kommenden Jahren gab es für Wales einen kleinen Vorgeschmack auf das, was möglich werden könnte: Der 1:0-Sieg gegen Weltmeister Deutschland 1991 im Cardiff Arms Park war einer der Höhepunkte.

In den 90er Jahren begann auch das Interesse der walisischen Frauen am Fußball zu wachsen und 1993 bestritt die Frauenmannschaft ihr erstes Länderspiel gegen Island.

Das Jahr 1993 wird jedoch wegen der schicksalhaften Nacht des 17. November für immer in Erinnerung bleiben – einem Datum, das in die Annalen des walisischen Fußballs eingegangen ist. Der walisische Trainer Terry Yorath hatte eine starke Mannschaft zusammengestellt, aber alles hing vom letzten Qualifikationsspiel gegen Rumänien im Cardiff Arms Park ab. Der Sieger würde sich für die WM 1994 qualifizieren. Paul Bodins Elfmeter traf die Latte und Wales schied aus dem Wettbewerb aus.

Einige große walisische Spieler haben sich jedoch auf der Weltbühne hervorgetan, darunter John Charles, der in Italien zum Idol wurde, Ian Rush, ein gefürchteter Torjäger für Liverpool, Neville Southall, der Torhüter des FC Everton, und Ryan Giggs – der meistausgezeichnete Spieler in der Geschichte der Premier League. Und doch haben es alle nicht geschafft, sich für ein großes Turnier zu qualifizieren.

Qualvoll war die Qualifikation zur EM 2004, als Wales kurz davor war und letztlich doch im Playoff gegen Russland nach einer 0:1-Niederlage im Millennium Stadium ausschied, nachdem man den Russen im Hinspiel in Moskau ein 0:0-Unentschieden abgetrotzt hatte.

Für die leidgeprüften Fans war der Gedanke, dass Wales niemals in ihrem Leben eine Endrunde erreichen würde, nur allzu real.

Doch mit einer neuen Generation junger Talente – allen voran dem teuersten Fußballer der Welt, Gareth Bale – war der Optimismus groß, dass der walisische Fußball international wieder auf dem Vormarsch ist. Bis im November 2011 der damalige Trainer der walisischen Mannschaft Gary Speed zu Hause tot aufgefunden wurde. Dies erschütterte den walisischen Fußball in seinen Grundfesten und die Fußballgemeinde trauerte um einen wahren walisischen Helden.

Es war sein guter Freund und ehemaliger Teamkollege Chris Coleman, der die wenig beneidenswerte Aufgabe hatte, den Job des walisischen Trainers zu übernehmen.

Nach Jahren des Kampfes um eine fußballerische Identität gewann die walisische Nationalmannschaft im September 2014 mit einem 2:1-Auswärtssieg in Andorra erfolgreich die EM-Qualifikation. Dies war der Beginn einer unglaublichen Reise des walisischen Teams unter Chris Coleman. Das lange Warten auf eine Endrunde hatte endlich ein Ende, als sich seine Mannschaft für die EM 2016 qualifizierte und eine unvergessliche und unerwartete Reise bis ins Halbfinale antrat, in dem sie nur gegen den brillanten Cristiano Ronaldo und den späteren Sieger Portugal verlor.

Die Spieler der walisischen Nationalmannschaft wurden bei ihrer Rückkehr in Cardiff wie Helden empfangen und gefeiert und Fans säumten die Straßen, um den Spielern ihre Anerkennung für das Erreichte zu zeigen.

Nach einer enttäuschenden Qualifikation zur WM 2018 kam für Chris Coleman der neue Trainer Ryan Giggs. Die neue Generation walisischer Spieler, angeführt von einer Reihe brillanter Nachwuchsspieler wie David Brooks, Dan James, Harry Wilson und Ethan Ampadu sowie Gareth Bale, Joe Allen und Aaron Ramsey, sorgte dafür, dass sich Wales an einem triumphalen Abend in Cardiff für die EM 2020 qualifizieren konnte. Mit einem 2:0-Sieg gegen Ungarn besiegelte Wales den Einzug in die Endrunde.

Das wegen der weltweiten Coronavirus-Pandemie verschobene Turnier wird im Sommer 2021 stattfinden.

Kann Wales noch besser abschneiden als bei der EM 2016 und sogar das Finale erreichen? Man sollte besser nicht dagegen wetten.

Quelle: Football Association of Wales, Wrexham County Borough Council

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