Ende 2019 zog sich eine Gruppe junger walisischer, irischer und schottischer Musiker für zehn Tage auf eine Farm in Llanidloes, mitten im ländlichen Wales, zurück. Das Gemeinschaftsprojekt Mamiaith (Muttersprache) indigener Sprache und Musik wurde von Wales Arts International, der internationalen Agentur des Arts Council of Wales, organisiert.

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Mit dem Projekt sollten Fragen hinsichtlich der indigenen Sprache, Kultur und der Identität erforscht werden und gleichzeitig wurde untersucht, wie die Musik die Sprache trägt und die Sprache weltweit transzendiert.

Für die irische Sängerin und Liedermacherin Lauren Ní Chasaide war dies eine völlig neue kulturelle Erfahrung. „Ich war noch nie zum Songschreiben in Klausur und ich wusste nichts über Wales“, sagt sie. Aber eines stellte sich für Lauren schnell heraus. „Die Waliser in der Gruppe wollten ständig in vierstimmige Harmonien ausbrechen. Ist das eine typisch walisische Sache? Jedenfalls war es sehr faszinierend“, so Lauren.

Jordan Price Williams war einer dieser Waliser (und vermutlich auch einer dieser vierstimmigen Harmoniker). Er studierte klassischen Kontrabass am Royal Welsh College of Music and Drama und ist einer der besten Folk-Multiinstrumentalisten seiner Generation.

„Das wichtigste Ergebnis unserer Klausur war es, dass wir Gemeinsamkeiten in unserem unterschiedlichen Erbe gefunden haben“, so Jordan Price. „Jeder, der auf den britischen Inseln traditionelle Volksmusik spielt, empfindet die jeweiligen Traditionen gerne als einzigartig, aber das sind sie in Wirklichkeit nicht. Jedes Land hat einen Volkstanz, eine Trommel oder eine Hornpfeife (ein mittelalterliches Holzblasinstrument)“.

„Aber in Wales ist die Musik anders und ursprünglicher. Ich glaube, das liegt daran, dass in Schottland und Irland auch im 19. und 20. Jahrhundert weitergespielt wurde und sich die Volksmusik somit weiterentwickeln konnte. Als jedoch im 19. Jahrhundert die Methodisten nach Wales kamen, hörten die Menschen auf traditionelle Musik zu spielen und so ist die walisische Volksmusik bis heute in einer frühen Form erhalten geblieben“, sagt Jordan Price Williams.

Doch zum Glück ging nicht alles verloren: Es gab nach wie vor noch viele Tripelharfenspieler (eine traditionelle walisische Harfe mit Saiten in drei Ebenen) und Holzschuh-Stepptänzer, die ihr Wissen an die nächsten Generationen weitergaben. Auch Cerdd dant – die einzigartige walisische Kunst, eine improvisierte Melodie über eine Harfenmelodie zu singen – blieb erhalten. Der mittelalterliche Harfenist Robert ap Huw (um 1580-1665) hatte umsichtiger Weise ein Manuskript mit Harfenmusik niedergeschrieben, das die Tradition der Barden aus den vorherigen Jahrhunderten davor bewahrte, in Vergessenheit zu geraten. Die Musik wurde im Übrigen vom Duo Bragod in mühevoller Kleinarbeit neu erschaffen.

1906 wurde die „Welsh Folk Song Society“ gegründet und die Mitglieder begaben sich auf die Suche nach Noten, Liedern und Harmonien, um sie zusammenzutragen und für die Nachwelt zu bewahren. Eine Arbeit, die vom St. Fagans National Musuem of Historiy in den 1960er und 70er Jahren fortgesetzt wurde.

Währenddessen wurde in Irland von irischen Bands wie The Chieftains, The Bothy Band und Planxsty ein neues „Celtic Folk“-Idiom geschaffen. Dank ihnen und einem breiten Publikum mit irischen Wurzeln in Amerika wurde Irland zur treibenden Kraft keltischer Musik.

Wales hingegen hatte noch ein wenig Nachholbedarf. 1976 stellte das Wales Tourist Board, wie es damals noch hieß, ein Quartett aus erstklassigen walisischen Volksmusikern zusammen – Iolo Jones (Geige), Dave Burns (Gesang & Geige) und die Brüder Dafydd und Gwyndaf Roberts (Harfe, Flöte), die beim Festival Interceltique de Lorient, einem großen Festival keltischer Musik in der Bretagne, auftraten. Das Festivalkomitee bat sie, sich einen Bandnamen auszudenken und sie wählten Ar Log (was „zu mieten“ auf Walisisch bedeutet).

In Lorient lernte Ar Log die bekannte große irische Folk-Band „The Dubliners“ kennen, die die Waliser ermutigten zusammenzubleiben und eine professionelle Band zu gründen. 1983 stieß Stephen P. Rees zur Band dazu, ein Akademiker – er lehrte Musik an der Universität von Bangor – und begnadeter Multiinstrumentalist, der eine zentrale Rolle bei der Wiederbelebung der walisischen Volksmusik spielte und später die wegweisende walisische Band Crasdant gründete. Ar Log tauchten auf der Suche für ihre Musikstücke tief in die walisische Musikgeschichte ein. Sie tourten durch die ganze Welt und schufen so eine solide Basis, auf der sie fortan walisische Volksmusik und Volkstanz aufbauen konnten.

„Für die Menschen meiner Generation war das extrem wichtig, denn plötzlich hatten wir etwas geschaffen, was bis dahin in Vergessenheit geraten war“, sagt Stephen.

In den 1990er Jahren unterstützte Stephen die Gründung von Clera, der Society for the Traditional Instruments of Wales. Diese Organisation war maßgeblich an der Wiederbelebung historischer Musikinstrumente wie der crwth – einer gestrichenen Leier – und der Hirtenpfeife, der sogenannten Pibgorn, beteiligt. Dadurch fanden alte historische Instrumente in der neuen Musik eine Stimme.

„Man tut, was man kann und mit dem, was man hat“, so Stephen. „Und wenn man den Drang verspürt, diese Instrumente zu neuem Leben zu erwecken, dann will man auch wissen, wie sie einst klangen und wie sie funktionieren. Das Großartige am Pibgorn (Hornpfeife) ist, dass man sie einfach in eine Band oder ein Orchester integrieren kann. Mit der Crwth hingegen ist es keine so gute Idee: Es ist ein reines Soloinstrument, das sich hervorragend dazu eignet, einzelne Sänger zu begleiten.“

Stephen war auch Mitbegründer von trac (Folk Development for Wales), um junge Talente zu fördern. „Es ist eine wunderbare neue Art, traditionelle Musik durch Gruppen-Workshops und Unterricht zu vermitteln, im Gegensatz zur Tradition der mündlichen Weitergabe vom Vater zum Sohn und so weiter“, sagt er.

Wales kann heute auf seine neue Generation junger walisischer Musiker stolz sein, die sich ihre kulturelle Vergangenheit in der Musik bewahrt haben und sich keinesfalls scheuen, die althergebrachten Regeln zu brechen und Neues auszuprobieren. So schöpft Jordan Price Williams viele Inspirationen aus dem ehemaligen Bergbaudorf Cwmafan in den südwalisischen Tälern, in dem er aufgewachsen ist.

Eine Gruppe von Musikern, die zusammen im Kreis Instrumente spielen.
Künstler des Mamiath-Projekts, die ihre Stimmen und Instrumente zusammenbringen. Bild von Wales Arts International.

„Es ist keine direkte musikalische Inspiration“, sagt er, „es ist einfach die Art und Weise, wie die Menschen dort sind, wie sie miteinander umgehen, meine Kindheitserinnerungen und Dinge, die ich bei meinen Eltern, Groß- und Urgroßeltern gesehen habe. Diese Generationen gibt es in dieser Art und Weise heutzutage nicht mehr und dies ist zum Teil mit ein Grund, warum ich so von traditioneller Musik besessen bin. Diese wundervolle Verbindung nicht nur zur Natur und zur Landschaft oder zu den Mythen und Legenden, sondern zu ganz normalen Menschen früherer Generationen, deren Namen nicht in den großen Geschichtsbüchern niedergeschrieben sind. Vielleicht findet man ihre Gräber irgendwo auf dem Friedhof einer kleinen Kapelle im Dorf: keine besonderen Menschen, aber auf ihre eigene Art doch ganz besonders“.

Und auch in Irland ist es eine ähnliche Geschichte. Lauren Ní Chasaide stammt aus einer großen Musikerfamilie: Unter den Cousins ihres Vaters ist der bedeutende Komponist Patrick Cassidy sowie Bandmitglieder der Folkgruppe Na Casaidigh (The Cassidys). Aber sie empfindet dies nicht als Last oder sich an die Tradition gefesselt. Und, wie alle ihre Zeitgenossen, ist sie nicht scharf auf den ganzen „keltisch“ Aufkleber.

„Trad Irish war nicht die Musik, zu der ich mich in meiner Jugend hingezogen fühlte“, sagt Lauren. „Es gibt ein riesiges ‚keltisches‘ Genre in Amerika – all das mystische Zeug ist dort sehr beliebt. Aber was wir tun, ist nicht unbedingt im ‚keltischen‘ Stil, sondern eher im modernen Stil dessen, was uns in unserem Leben begegnet ist. Ich bin sicher, dass ich alle möglichen Regeln breche. Aber ich versuche nicht, für meine Musik zu werben, indem ich mich auf irgendeine Art von Tradition berufe – solange ich nicht zu viele religiöse Traditionsbewahrer belästige“.

Jordan Price Williams fühlt sich ähnlich befreit. „Es ist keine Musik fürs Museum, die für immer in Formaldehyd konserviert ist“, sagt er. „Die Musik ist lebendig und atmet, und jede Person kann sich einbringen. Jeder versucht, innerhalb eines ‚walisischen‘ Tons zu bleiben, aber es kann auch mal etwas daneben sein – manchmal ist es Segen und Last zugleich. Für einige etabliertere Musiker ist das was wir tun schwer zu verdauen“.

Allerdings nicht, was Stephen Rees betrifft. „Man kann nicht kontrollieren, was man hervorzaubert“, sagt er. „Junge Leute nehmen die Dinge, die Menschen meiner Generation wiederbelebt haben, und machen etwas ganz Eigenes daraus. Was jetzt inspirierend ist, ist die Art und Weise, in der eine jüngere Generation in Wales die ‚traditionelle‘ Musik in verschiedene Richtungen lenkt. Es mag mir vielleicht nicht alles gefallen, aber es gehört ihnen genauso wie mir“.

Zurück in Llanidloes beim Mamiath-Projekt tun die jungen Musiker genau das: Lauren Ní Chasaide und die aus Aberystwyth stammende Georgia Ruth fanden zu einem musikalischen Groove: „Wir machen eine ähnliche Art von Musik und wir lernen beide die Sprachen [Irisch und Walisisch]. Die Lieder, die ich mit Georgia geschrieben habe, entstanden auf ganz natürliche Weise und das, obwohl ich lernte auf Walisisch und sie auf Irisch zu singen. Wir fühlten uns beide verbunden und das war eine ganz besondere Erfahrung“.

„Es war auch wirklich interessant, Waliser kennenzulernen. Mir war gar nicht bewusst, wie ähnlich sich die Sprachen und das soziale Umfeld sind. Wir haben uns wirklich gut verstanden und haben so viel gemeinsam. Umso seltsamer ist es, dass es nicht mehr kulturellen Austausch zwischen Irland und Wales gibt. Ich bin jedenfalls sehr inspiriert und fasziniert vom Walisischen. Wenn man mit der Musik den Horizont der Menschen öffnen und erweitern kann und sie dann erkennen, dass die beiden Sprachen keine Millionen Kilometer voneinander entfernt sind und dadurch eine Verbindung entsteht, dann ist das wirklich cool“.

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