Diesen Grundsatz sollte man im Auge behalten, wenn man Wales’ Erbe betrachtet. Wir schätzen die Schätze und Relikte unser Geschichte, aber wir erinnern auch daran, dass sie einmal brandneu waren und oft auch mit Hinblick auf die Nachwelt erschaffen wurden. Sie überdauern überall um uns herum.

Da gibt es zum Beispiel den Vitalinus-Stein. In der Nähe eines Weges auf dem Kirchhof in Nevern in Pembrokeshire in Westwales steht eine verwitterte Säule. Sie erreicht ungefähr noch Schulterhöhe und steht im Schatten einer uralten Eibe. Man muss ganz genau hinsehen, um auf ihrer flechtenbewachsenen Oberfläche die Inschriften zu sehen, die vor ca. 1600 Jahren eingemeißelt wurden um zukünftige Generationen anzusprechen.

Harlech Castle, Mid Wales, photo taken on a bright day in the castle grounds
Harlech Castle, Harlech, Gwynedd

Die römischen Buchstaben enthüllen, dass dies der Stein des Vitalinus ist, und Einschnitte an der Seite, die den selben Namen im fremdartigen irischen Ogham-Alphabet buchstabieren. Er bietet einen faszinierenden Einblick in die lange, vielschichtige Geschichte von Wales. Vitalinus lebte zur Zeit, als sich die römische Herrschaft dem Ende zuneigte und irische Einwanderer diese Lücke im westlichen Wales des fünften Jahrhunderts füllten.

Man würde dieses uralte Monument ganz einfach übersehen, wenn man nicht wüsste, wonach man suchen muss. Aber es verdeutlicht, dass in Wales kulturelles Erbe und Tradition überall um uns herum sind. Keltische Mythen und Legenden haben kaum an Bedeutung verloren. Diese Geschichten waren das alltägliche Geschäft der professionellen Erzähler cyfarwyddiaid, die sie Generation um Generation bis heute weitererzählt haben. Dabei wurden die Sagen immer wieder neu ausgeschmückt, dennoch steckt immer ein Körnchen Wahrheit darin.

Brass knight in entrance to King Arthur's Labyrinth
Group tour underground in caves at King Arthur's Labyrinth
King Arthur's Labyrinth, Machynlleth, Mittelwales.

Die wohl bekannteste Sage ist die von Arthur und Merlin. Hat Arthur wirklich gelebt? Es ist wahrscheinlich, dass im Kern der Legende eine reale Person steckt, ein römisch-britischer Anführer aus dem fünften Jahrhundert, der die einfallenden Sachsen zurückdrängte. Aber wenn man jetzt eine Karte von Wales hernimmt und eine Stecknadel in jeden Ortsnamen steckt, der eine Verbindung zu Arthur hat, wäre er wohl ein äußerst beschäftigter Monarch gewesen. Eine Reise entlang aller Orte würde Sie vom Arthur-Stein auf der Halbinsel Gower bis ganz hinauf auf den Gipfel von Snowdon in Nordwales führen.

Auf dem Weg dorthin würden Sie an sage und schreibe drei Seen vorbeikommen, von denen allen behauptet wird, dass auf ihrem Grund das magische Schwert Excalibur liegt. Und dann gibt es noch eine große Anzahl von Orten, die mit anderen Figuren aus der Arthursage in Verbindung stehen, wozu auch Nevern gehört. Eine Theorie besagt sogar, dass Vitalinus in Wirklichkeit Vortigern, der Erzfeind Arthurs war.

Die Legende besagt, dass Arthur zurückkommen wird, wenn die Nation in Gefahr ist, doch Walisisch befindet sich auch so wieder im Aufschwung.'

Eindeutige Antworten gibt es nicht. Sogar unsere Wahrzeichen müssen genauer betrachtet werden, ob es nun ein Drache, ein Lauch oder eine Narzisse ist. Die bekanntesten Erklärungen für diese drei gehen jeweils auf Arthurs Banner, improvisierte Erkennungsmerkmale der Soldaten von St. David auf einem matschigen Schlachtfeld und die uralte Verwechslung der walisischen Begriffe cenhinen (Lauch) und cenhinen bedr (Narzisse) zurück.

Dass dies alles noch so lebendig ist, verdanken wir wohl unserer Landessprache. Walisisch wird von ca. 750.000 Leuten weltweit gesprochen und ist die älteste Sprache Großbritanniens. Die Legende besagt, dass Arthur zurückkommen wird, wenn die Nation in Gefahr ist, doch Walisisch befindet sich auch so wieder im Aufschwung. Ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung kann die Sprache sprechen oder verstehen und diese Zahl verdoppelt sich bei den Kindern. Momentan wird das Ziel verfolgt, diese bis zum Jahr 2050 auf eine Million Walisischsprecher anwachsen zu lassen.

Harlech Castle looking out at the right side corner
Photo of boy who in focus running with play sword through Harlech Castle which is blurred in the background
Spaß im Harlech Castle, Harlech, Gwynedd

Ein Großteil des kulturellen Erbes von Wales ist greifbarer. Am deutlichsten verkörpern das die Burgen von Wales, wovon es über 600 gibt, die Irrungen und Wirrungen seiner Geschichte. Einige davon wurden von den einheimischen Prinzen gebaut, wie zum Beispiel Dolbardarn bei Llanberis in Northwales, das eine der Festen Llywelyns des Großen war. Dann gibt auch welche, die von Eindringlingen gebaut wurden; Pembroke ist ein Beispiel dafür. Von dieser Burg aus wurde das Territorium kontrolliert, das die normannischen Ritter erobert hatten und später wurde dort auch der erste König der Tudor-Dynastie geboren.

Und dann wären da noch die hartumkämpften Schlösser. Schloss Harlech war eine der 10 Burgen, die König Edward I bauen ließ um Nordwales zu beherrschen. Auf seiner Warte hoch auf einer Klippe erscheint es uneinnehmbar, doch 1404 wurde es von der Armee des letzten Prinzen von Wales, Owain Glynŵr, belagert und wurde anschließend eine Zeitlang zu seinem Herrschaftssitz.

Dass unsere Burgen so beliebt sind, überrascht nicht. Doch auch Wales’ jüngere Geschichte ist ebenso faszinierend und bietet viele Gelegenheiten zur Erkundung, sowohl draußen auf dem Land als auch in unseren ausgezeichneten Museen. So sind zum Beispiel die Meilensteine und Markierungen, die man oft entlang der ländlichen Straßen sieht, unscheinbare Überbleibsel aus einem explosiven Kapitel walisischer Geschichte, als der Bau von mautpflichtigen Straßen weiträumige Proteste und Aufstände auslöste, darunter auch die wohlbekannten „Rebecca Riots“, als Männer in Frauenkleidung nachts die verhassten Mauthäuschen zertrümmerten.

St Fagans National Museum of History, house shown through a tunnel of trees and arch
Kitchen with large oak table inside St Fagans National Museum of History
St Fagans National Museum of History, Cardiff

Wenn Sie die ganze Geschichte hören wollen, sind Sie im St Fagans National Museum für Geschichte genau richtig. Unter den Dutzenden historischer Gebäude, die auf dem ca. 40 Hektar großen Gelände wieder aufgebaut wurden, befindet sich auch ein Mauthäuschen von 1771 aus Aberystwyth, komplett ausgestattet mit einer Liste von Straßenzöllen, die die Einheimischen entrichten mussten, um durchgelassen zu werden. Die Exponate des Museums stammen aus zwei Jahrtausenden, angefangen von einem typischen, einfachen Bauernhaus der Eisenzeit auf Anglesey bis hin zum Sommerhaus des Marquess of Bute, der um 1860 als der reichste Mann der Welt gehandelt wurde.

Es gibt nur ganz wenige Orte, an denen man nicht auf Spuren unseres industriellen Erbes stößt. Während eines Großteils des 19. und 20. Jahrhunderts war Wales in der ganzen Welt für seine Kohle, Schiefer, Kupfer und Stahl bekannt. Blaenavon in den südwalischen Valleys wurde wegen seines industriellen Erbes zum UNESCO Weltkulturerbe erhoben. Hier kann man im Big Pit Coal Museum 100 Meter mit einem echten Kohlengrubenarbeiter unter die Erde fahren und selbst die Anstrengungen erleben, die damals die Hochöfen der industriellen Revolution in Wales angetrieben haben.

Pithead, Cefn Coed Colliery Museum
Pithead, Cefn Coed Colliery Museum, Crynant, Neath

Schließen wir den Kreis mit Sir Clough und Portmeirion, seinem zeitlosen Meisterstück. Tatsächlich ist es nicht einmal ein Jahrhundert alt und in Teilen noch viel jünger. Obwohl er bereits 1925 begann, seinen Traum zu verwirklichen, ein italienisch anmutendes Dorf zu bauen, benötigte er doch fast 50 Jahre um ihn zu vollenden. Und heute ist das Resultat seiner Baukunst und sorgfältigen Ausschmückung ein liebgewonnener Teil unseres gemeinsamen Erbes geworden.